Dissoziative Bewegungsstörung: Wenn die Seele durch den Körper spricht

Eine dissoziative Bewegungsstörung gehört zur Gruppe der dissoziativen Störungen (Konversionsstörungen).

Gemeint sind Bewegungssymptome, die für Betroffene sehr real und oft stark einschränkend sind, obwohl in der medizinischen Diagnostik keine ausreichende neurologische oder orthopädische Ursache gefunden wird, die das Ausmaß der Beschwerden erklärt. Das ist für viele Menschen schwer auszuhalten, weil sich das Symptom nicht „einbildet“, sondern tatsächlich vorhanden ist, und weil gleichzeitig die naheliegende Erklärung „da muss doch etwas Körperliches sein“, nicht greift.

Was ist eine dissoziative Bewegungsstörung?

Bei einer dissoziativen Bewegungsstörung treten Bewegungsprobleme auf, die sich zum Beispiel als Lähmungsgefühle, Schwäche, Koordinationsstörungen, Gangunsicherheit, Zittern, unwillkürliche Bewegungen oder Muskelzucken zeigen können. Manche berichten außerdem über Stimm- oder Sprechprobleme bis hin zu einem zeitweisen Verlust der Stimme.Die Beschwerden sind nicht ausreichend durch eine körperliche Erkrankung erklärbar und stehen häufig im Zusammenhang zu Belastungen, Konflikten oder psychischen Anforderungen.

Dabei geht es nicht um „Vortäuschen“. Dissoziative Symptome sind in der Regel unwillkürlich. Betroffene wollen das nicht, steuern es nicht bewusst und können es oft selbst nicht einordnen, was die Verunsicherung eher verstärkt.

Typische Symptome im Alltag

Das Erscheinungsbild kann sehr unterschiedlich sein. Häufig genannt werden:

  • Ein vollständiger oder teilweiser Verlust der Bewegungsfähigkeit, etwa in Arm oder Bein, manchmal wechselnd, manchmal anhaltend.

  • Gangstörungen, Stolpern, Wegknicken, unsicheres Gehen, das situationsabhängig schwanken kann.

  • Zittern, Schütteln, Muskelzuckungen oder Bewegungen, die als „nicht kontrollierbar“ erlebt werden.

  • Koordinationsprobleme, die bei bestimmten Bewegungen stärker auftreten als bei anderen.

  • Sprech- und Stimmveränderungen, beispielsweise Stottern, stockende Sprache oder ein plötzliches Verstummen.

Manchmal ist es für Betroffene besonders irritierend, dass es Tage oder Momente gibt, in denen es besser geht, und andere, in denen das Symptom sehr präsent ist. Das macht die Sache nicht „psychisch eingebildet“, sondern zeigt, dass die Steuerung komplex ist und von mehreren Faktoren beeinflusst werden kann.

Was dabei häufig zusätzlich auftaucht

Neben den sichtbaren Bewegungsproblemen berichten Betroffene nicht selten über Begleitphänomene wie Anspannung, Schlafprobleme, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder eine starke innere Alarmbereitschaft. Auch Angst vor weiteren Symptomen oder vor dem nächsten „Aussetzer“ kann entstehen. Das ist nachvollziehbar, weil ein unzuverlässiger Körper im Alltag viel Unsicherheit erzeugt.

Warum kann so etwas passieren?

Bei dissoziativen Störungen geht man davon aus, dass die Symptome in einem Zusammenhang mit psychischer Belastung stehen können. Das heißt nicht, dass es „nur Stress“ wäre. Gemeint ist vielmehr, dass das Nervensystem in bestimmten Situationen in Zustände geraten kann, in denen sich Wahrnehmung, Körpersteuerung und innere Verarbeitung verändern.

Ein Modell, das viele Betroffene als nachvollziehbar erleben, ist dieses: Wenn die innere Belastung sehr hoch ist und gleichzeitig keine ausreichenden Möglichkeiten zur Regulation, zum Ausdruck oder zur Entlastung bestehen, kann sich das System so organisieren, dass bestimmte Funktionen eingeschränkt oder verändert werden. Bei manchen Menschen zeigt sich das über Bewegung, bei anderen über Sensibilität, Schmerz oder andere Körperfunktionen. Das ist keine einfache Ursache-Wirkung-Kette, sondern ein Zusammenspiel aus individuellen Voraussetzungen, biografischen Erfahrungen und aktueller Belastung.

Häufige Auslöser oder Kontexte

Nicht jede Biografie ist gleich, trotzdem tauchen in der klinischen Praxis oft ähnliche Kontexte auf:

  • Belastende Ereignisse wie Verlust, Trennung, konflikthafte Lebensphasen oder anhaltender Druck.

  • Überforderung über längere Zeit, beruflich oder familiär, manchmal auch in der Schule oder Ausbildung.

  • Erfahrungen von Hilflosigkeit, Abwertung oder emotionaler Vernachlässigung.

  • Traumatische Erfahrungen, die nicht ausreichend verarbeitet werden konnten.

  • Hohe innere Ansprüche und ein starkes Funktionieren-Müssen, bei dem der eigene Zustand lange ignoriert wurde.

Das heißt nicht, dass man „Schuld“ an den Symptomen trägt. Es beschreibt lediglich typische Rahmenbedingungen, in denen solche Symptome häufiger sichtbar werden.

Ursachen und Risikofaktoren: Warum es selten nur einen Grund gibt

In der Fachliteratur wird die Entstehung dissoziativer Symptome als multifaktoriell betrachtet. Das bedeutet: Es gibt selten „die eine Ursache“. Stattdessen können zusammenkommen:

  • Psychische Belastung und konflikthafte Situationen.

  • Biografische Erfahrungen, die die Stressverarbeitung geprägt haben.

  • Neurobiologische Stressmechanismen, die bei hoher Aktivierung Körpersteuerung und Wahrnehmung beeinflussen können.

  • Lern- und Erwartungseffekte, also die Erfahrung, dass ein Symptom in bestimmten Situationen wahrscheinlicher wird.

  • Soziale Faktoren, zum Beispiel fehlende Entlastung, mangelnde Unterstützung oder chronischer Druck.

Für Betroffene ist oft entlastend zu verstehen, dass das Symptom nicht „aus dem Nichts“ kommt, sondern in einem Zusammenhang steht, auch wenn dieser Zusammenhang anfangs nicht klar greifbar ist.

Diagnostik: Was sollte ärztlich abgeklärt werden?

Weil Bewegungsstörungen auch bei neurologischen oder orthopädischen Erkrankungen vorkommen können, ist eine gründliche medizinische Abklärung wichtig. Dazu gehören je nach Symptomatik und ärztlicher Einschätzung beispielsweise Untersuchungen in der Neurologie und Orthopädie.

Abzuklären sind insbesondere Erkrankungen wie:

  • Neurologische Ursachen, zum Beispiel Schlaganfall, Multiple Sklerose, Epilepsie, Parkinson-Syndrome oder entzündliche Erkrankungen,

  • Orthopädische Ursachen, zum Beispiel Nervenkompressionen, Bandscheibenprobleme oder strukturelle Schäden,

  • Internistische oder medikamentöse Ursachen, je nach Kontext.

Außerdem sollte man psychische Begleiterkrankungen beachten, ohne vorschnell zu etikettieren, etwa depressive Symptome, Angstsymptome, Folgen belastender Erfahrungen oder Substanzkonsum, weil diese Faktoren Einfluss auf die Stabilität des gesamten Systems haben können.

„Alles unauffällig - aber das Symptom bleibt“

Eine unauffällige Diagnostik kann zunächst erleichtern, gleichzeitig entsteht häufig das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, oder der Eindruck, man müsse „beweisen“, dass es real ist.

Ein unauffälliger Befund bedeutet nicht, dass die Beschwerden nicht existieren. Er bedeutet, dass bislang keine ausreichende organische Erklärung gefunden wurde. Genau an dieser Stelle kann die psychotherapeutische Perspektive hilfreich werden, weil sie nicht gegen den Körper arbeitet, sondern das Symptom als Teil eines komplexen Zusammenhangs ernst nimmt.

Was bedeutet „dissoziativ“ in diesem Zusammenhang?

Dissoziation beschreibt in der Psychologie eine Veränderung von Integration. Das kann sich als Abstand zum eigenen Körper, als „wie neben sich stehen“, als Erinnerungslücken oder als veränderte Wahrnehmung zeigen. Im Kontext einer Bewegungsstörung steht häufig die Erfahrung im Vordergrund, dass Bewegung nicht mehr zuverlässig verfügbar ist oder nicht so funktioniert, wie sie „normalerweise“ funktionieren müsste.

Das kann für Betroffene beschämend sein oder stark verunsichern, besonders wenn es in sozialen Situationen passiert. Deshalb ist ein respektvoller, nicht wertender Umgang damit so wichtig, auch in der Sprache.

Psychotherapeutischer Blick: Wie Schuld, Scham, Ohnmacht und Stress zusammenhängen können

Bei einem Teil der Betroffenen spielen Schuld- oder Schamthemen eine Rolle, manchmal sehr direkt, manchmal eher als Hintergrundspannung. Schuld kann sich zum Beispiel an „unterlassenen Handlungen“ festmachen oder an dem Gefühl, nicht genug gewesen zu sein. Scham kann als innerer Druck auftauchen, „nicht auffallen zu dürfen“ oder „nicht zur Last zu fallen“. Ohnmacht kann in Situationen entstehen, in denen kein Handlungsspielraum erlebt wurde.

Der entscheidende Punkt ist nicht, ob ein bestimmtes Gefühl „da sein müsste“, sondern ob es innere Zustände gibt, die über längere Zeit nicht verarbeitet oder nicht reguliert werden konnten. In solchen Fällen kann sich das System über den Körper ausdrücken, ohne dass das bewusst gesteuert wird.

Psychotherapie in Maisach bei Fürstenfeldbruck

Wenn körperliche Symptome wie Bewegungsstörungen auftreten und medizinisch abgeklärt wurden, kann psychotherapeutische Begleitung unterstützend sein, um Zusammenhänge zu verstehen, Belastungen einzuordnen und einen eigenen Umgang mit dem Symptom zu entwickeln.

In meiner Praxis für Psychotherapie in Maisach bei Fürstenfeldbruck biete ich einen geschützten Rahmen, in dem solche Themen in einem ruhigen, respektvollen Gespräch betrachtet werden können. Die Praxis ist gut erreichbar aus Fürstenfeldbruck, Olching, Gröbenzell, Mammendorf, Puchheim, Germering und Dachau. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit sind außerdem Ge(h)spräche in der Natur©, bei denen Gespräche in Bewegung und in der natürlichen Umgebung stattfinden können.

Fazit

Dissoziative Bewegungsstörungen sind ernst zu nehmen. Die Symptome sind real und können stark einschränken, auch wenn keine ausreichende organische Ursache gefunden wird. Eine sorgfältige medizinische Abklärung ist zentral. Wenn körperliche Ursachen nicht im Vordergrund stehen, kann ein psychotherapeutischer Zugang unterstützen, die Hintergründe besser zu verstehen und den Umgang mit den Symptomen zu stabilisieren und zu erweitern.

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